Peter Wohlleben und die Jagd? - eine kritische Betrachtung 

(Hier die Langform des AFZ-Artikels, der als Download mit Genehmigung der AFZ angefügt ist.)

 

 

Peter Wohlleben zum Jagen – eine Fehlanzeige!

 

Von der Jagdkritik zum Jagdverbot

Peter Wohlleben kritisiert die gängige Jagd zurecht. So z.B. 2014 in der Sendung ZDF sonntags (Quelle s.u.), wo er durchaus nachvollziehbar Kritikpunkte wie die Fütterung (Mais, Heu, Rüben im großen Stil) und die Anlage von Wildäckern anprangert. Mitten in einem (angeblich) als Wildacker angelegten Feld erklärt er den Energieinput, der die Bestände anwachsen lässt. Und Wohlleben meint dazu: den Jägern „ist der Wald scheißegal. Jetzt vermehren sich hier die Rehe und Hirsche und fressen anschließend die kleinen Laubbäume kaputt.“ Dass diese Schalenwilddichten dem Wald massiv zusetzen, war und ist ihm klar. Dass die Jäger die Hauptschuld an den zu hohen Dichten tragen auch. Wohl deshalb gilt seine Sympathie auch den Jagdgegnern. So trifft er sich mit Rechtsanwalt Dominik Storr, der die Möglichkeit des Ausstiegs aus der Zwangsmitgliedschaft in einer Jagdgenossenschaft am Europäischen Gerichtshof mit erstritten hat. Dabei bringt Wohlleben ein Jagdverbot  ins Spiel, was aber seiner Meinung nach kleinräumig keinen Sinn macht. 

Originalton Wohlleben: „Die Wildtiere aus der Umgebung, die durch die Jäger, die durch die Fütterung im Bestand total explodiert sind, die flüchten sich alle zu uns, weil nicht gejagt wird, und fressen uns den ganzen Wald kaputt. Also um den Wald zu schützen, muss ich im Moment viel mehr jagen, obwohl ich´s eigentlich nicht möchte. So eine Art Notwehr. Und um da wegzukommen müssen eben große Gebiete mit der Jagd aufhören und dann können wir das auch.“ 

 

Das Seelenleben der Tiere (Wohlleben 2016)

Dann kam 2015 sein Buch „Das geheime Leben der Bäume“, das ein Bestseller wurde, und danach 2016 „Das Seelenleben der Tiere“. Nach wie vor ist ihm klar, dass die Schalenwilddichten für den Wald viel zu hoch sind und dass sie x-fach höher sind als früher. Und er sieht darin nach wie vor ein großes Problem, aber er hat keine Lösung (Originalton Wohlleben 2020: „Ich weiß da auch keine Lösung, muss ich ganz ehrlich sagen.“). Ungeachtet dessen scheidet die jagdliche Lösung systemimmanent eigentlich aus, denn darf man Wesen, die eine Seele besitzen, überhaupt noch töten? Und darf man Wildtiere töten, wenn das mit dem Töten verfolgte Ziel ohnehin nicht erreicht wird?

 

„Wozu jagen? Eine Debatte über den Sinn, Tiere zu schießen“ – Wohlleben 2019 

2019 gab es in Wohllebens eigener Zeitschrift (Geo, Wohllebens Welt) ein Gespräch  mit Torsten Reinwald, dem Stellvertretenden Geschäftsführer des Deutschen Jagdverbands. Reinwald verweist auf die Schäden durch Wildtiere in der Kulturlandschaft und spricht explizit Wildschweinschäden an. Wohlleben bezieht dazu folgende Positionen: 

  • Die erste Entgegnung lässt den Grundeigentümer außen vor: „Warum sollten die Wildschweine nicht einen Teil der Feldfrüchte abbekommen?“ Man könnte weiterdenken: Warum lassen sich Stadtrandbewohner ihre Gärten nicht vom Schwarzwild umpflügen? Die Antwort liegt auf der Hand, muss aber an dieser Stelle nicht diskutiert werden.  
  • Und dann verweist er darauf, dass niemand weiß, wie viele Wildtiere überhaupt da sind und dass unsere Hochrechnungen auf den Abschusszahlen resultieren.

„Ein bisschen verrückt und ganz schön unsicher“ – kommentiert er. Und weiter kommt er mit einer geschickten Verdrehung: „Schießen, um zu belegen, dass man schießen muss: Aus meiner Sicht ist das ziemlich widersinnig.“ Dass man Wildscheine schießt um Schäden zu verhindern, ist schon aus dem Sinn – oder es ist für Wohlleben kein Grund. Und dass man Rehe nach allgemeiner Meinung nicht zählen kann und deshalb moderne Verfahren Forstliche Gutachten heranziehen und zum Erstellen der Abschusspläne verwendet, ist keiner Erwähnung wert. 

Daran anschließend  kommen die Ruhezonen, in denen man beobachten könnte, „wie sich das Wild tatsächlich entwickelt“. In diesem Gesprächsgang gibt Wohlleben ein interessantes Statement ab: „Wir müssen uns mehr Mühe geben, dass Wälder, aber auch offene Landschaften wieder artenreicher und vielfältiger werden. Das ist ein natürlicher Schutz davor, dass einzelne Arten überhandnehmen.“ – Was keiner der beiden Gesprächspartner einbringt: Genau das macht waldfreundliche Jagd - durch die Reduktion der Schalenwildbestände! Genau das ist das Ziel von „Wald vor Wild“. Die Biodiversität nimmt in den Revieren, wo das auch umgesetzt wird, nachweislich zu. Aber dazu muss man (Schalen-)Wild töten. Da sind wir mitten im Wald-Wild-Problem. 

 

Wie löst man das Wald-Wild-Problem ohne zu töten?

Nun sind spätestens seit dem Waldsterben 2.0 (2018/2019) die Stimmen, die angesichts des Klimawandels und den drastischen Folgen nach einer Lösung des Problems rufen, immer vehementer zu hören - eine davon bin ich. Wie mit diesen zumindest für den Wald viel zu hohen Schalenwildbeständen umgehen? So kam selbst Wohlleben nicht mehr umhin, das weitgehend ausgesparte, unappetitliche Thema wieder einmal aufzugreifen. Er tut dies auf seinem Facebook-Kanal am 30. 01.2020. 

Es sei „ein ganz schwieriges Thema“, weil es vielschichtig ist und z.B. durch die Landwirtschaft oder die Durchforstung mitbeeinflusst wird. Und Wohlleben formuliert eben hier expressis verbis, er habe auch keine Lösung, was ihn aber nicht abhält, dann doch einen Lösungsvorschlag zu bringen, natürlich sehr vage. „Ich würde gern mal ausprobieren …“ – das ist sein Rahmen. 

 

„Ich würde gerne mal ausprobieren …“

Untersuchungen hätten ergeben, dass es in alten Laubwäldern im Gegensatz zu jungen, wo viel am Boden wächst, in aufgelichteten Wäldern oder besonders auf Kahlflächen, kein Schalenwildproblem gebe, denn der Boden ist weitgehend vegetationslos. 

Dem kann man auch ohne Untersuchungen zustimmen: Wo es keine Verjüngung gibt, gibt es naturgemäß auch keine Wildschadensprobleme, zumindest keine Verbissprobleme.  

 

Aber wir haben weithin keine solchen alten Laubwälder. Die müssten erst entstehen. Dabei ist ihm bewusst, dass aufgrund der Käfer- und Sturmproblematik und den daraus entstehenden Kahlflächen in den „Plantagen“, aber auch in den alten Laubwäldern „die Wildbestände in den nächsten Jahren kräftig steigen“ werden. Und wenn man dort pflanzt, ist das „wie gepflanztes Wildfutter“ – Gleiches ließe sich generell von der Naturverjüngung sagen. „Und jetzt kann man sagen ja und schießt das alles ab, die Schuldigen werden bestraft sozusagen ..“ Schuld aber seien nicht die Rehe und Hirsche, sondern die Leute, die Plantagenwälder betreiben und sehr viel Holz aus den Wäldern nähmen (und, wenn auch an dieser Stelle von ihm nicht genannt, die Jäger). 

 

Nun sein Lösungs-Versuch: „Ich würde gerne mal ausprobieren …“ 

Große Laubwälder in Ruhe lassen. Die Schalenwildreduktion wird vielleicht flankiert vom Wolf. Bei den Schwankungen im Wildbestand, die natürlich seien, könnten junge Laubbäume, wenn diese Schwankung des Wildbestandes nach unten geht, evtl. durchkommen. „Ich würd´s einfach mal ausprobieren, weil das bisherige Jagdsystem, was wir jetzt über viele, viele Jahrzehnte ausprobieren, mit immer höheren Abschüssen führt offensichtlich nicht dazu, dass der Wildverbiss nennenswert sinkt auf diesen Flächen.“ Dieses Jagd-System habe auf jeden Fall versagt, deshalb „lasst uns mal was Neues ausprobieren“. Damit käme das Wild – wie explizit genannt auch der Borkenkäfer - endlich aus der „Ecke des Schuldigen“. „Ein bisschen mehr Demut, ein bisschen mehr Experimentierfreude. Ich würde mich über großflächige Versuche freuen, in denen man mal was anderes ausprobiert, in diesem Fall keine Forstwirtschaft, plus keine Jagd und mal schauen, was daraus wird.“ 

 

Ich fasse Wohlleben zusammen:  

- Die Jagd hat ja ohnehin gezeigt hat, dass sie das Schalenwildproblem nicht lösen kann. 

- Es zeige sich aber interessanterweise, dass es in alten Wäldern (wie in echten Urwäldern) ohne jede menschliche Jagd kein Wald-Wild-Problem gebe. 

- Wir sollten deshalb auf die Bewirtschaftung größerer Wälder gänzlich verzichten, sie sozusagen zu alten Wäldern (Urwäldern) werden lassen, und dann erledige sich das Problem von selbst. 

- Und er kommt mit dem Phänomen der „Schuld“, die angeblich dem Rehwild in die Schuhe geschoben wird.

Er formuliert dies, ohne rot zu werden. Die Naturromantiker sind hingerissen, so einfach ist das also. Bewirtschaftung einstellen, damit so nebenbei den dringend nötigen Artenschutz massiv ankurbeln und das Wildschadensproblem löst sich von selbst – ohne die Jagd und ohne dass ein beseeltes Tier kaltblütig dahingemordet werden muss, also ohne dass „Unschuldige“ dafür sterben müssen. 

 

Die Haken im System

Die Sache hat nur mehrere Haken, und die kennt ein Waldfachmann wie Wohlleben natürlich ganz genau. 

  • Denn abgesehen davon, dass geschlossenen alte Wälder, dass Urwälder Jahrhunderte brauchen, um sich zu entwickeln, - und sie sich nicht entwickeln, wenn zu viel Schalenwild da ist - 
  • bräuchte es dazu sehr große, geschlossene  Waldgebiete, die es in unserer dichtbesiedelten Kulturlandschaft nicht mehr gibt. Denn solange die Landwirtschaft nebenan massig Futter und damit „Energie“ zur Reproduktion zur Verfügung stellt, kann das nie funktionieren. 
  • Und er lässt außen vor, dass diese Wälder jemandem gehören, der diese bewirtschaften will und teils davon lebt. 
  • Und er verschweigt, dass wir unseren Holzbedarf dann durch vielleicht sehr fragwürdige Importe stillen müssten. 

Das weiß natürlich alles auch Peter Wohlleben, deshalb würde er ja erst einmal „ausprobieren“, vielleicht die nächsten Jahrzehnte oder Jahrhunderte. Dann würde man ja sehen, was passiert. Und bis dahin würden Borkenkäfer und andere Einflüsse den Wald noch mehr verändern, würden Verkehrsunfälle mit Rehen und Wildschweinen kräftig zulegen, würden Sukzessionswälder oder gar Savannen entstehen, würden die Schwarzwilddichten durch die Afrikanische Schweinepest zyklusartig Hochs und Tiefs erleben und die ohnehin völlig fragwürdige schweinische Massentierhaltung käme zum Erliegen, … Natur könnte sich entwickeln, Kultur müsste sich dem (endlich) unterordnen! Die Jagd würde es selbstverständlich nicht mehr geben, da sie überflüssig ist. Der naive, ideologische Tierschutz jubelt, der naive Naturschutz auch.   

 

Jagd als wesentliche Stellschraube 

An dieser Stelle darf ich auf die völlige Fehleinschätzung der jagdlichen Möglichkeiten durch Peter Wohlleben zurückkommen. Selbstverständlich kann die Jagd die Schalenwildproblematik lösen. Das zeigen viele Reviere, in denen nicht trophäenorientiert, sondern waldfreundlich gejagt wird. Dort, wo der vielgescholtene Bayerische Gesetzesgrundsatz „Wald vor Wild“ gelebt wird, kann sich der Wald bestens artenreich verjüngen und entwickeln. Das weiß Peter Wohlleben natürlich.  Weshalb er das trotzdem negiert? 

 

Lasst uns mal probieren, waldgerecht zu jagen.

Das, was Peter Wohlleben vorschlägt, ist Illusion, eine gefährliche Illusion. Ich schlage deshalb vor: Lasst uns mal probieren, waldgerecht zu jagen! Das funktioniert nachweislich. Und das ist gut 

  • für den Wald, der sich artenreich entwickeln kann (auch hin zum „alten Wald“),  
  • für die Gesellschaft, die den Wald angesichts des Klimawandels immer dringender braucht,  
  • und für das Rehwild, das aufgrund der verringerten Dichte größere Reviere hat und damit viel weniger innerartlichen Stress und eine bessere Fleischqualität liefert und für das Schalenwild generell, weil die Übertragung von Parasiten und Krankheiten bei den angepassten Schalenwilddichten zurückgeht.

 

 

Dr. Wolfgang Kornder 

(200729) 

 

Leicht gekürzt abgedruckt in: AFZ 21_2020, S.50f

 

Quellen: 

https://rsmemory.info/video/loaplHKezpiOm2s/neue-spielraume.html (Neue Spielräume für Jagdgegner - ZDF sonntags 2014)

Wozu jagen? Eine Debatte über den Sinn, Tiere zu schießen

Zeitschrift GEO (Hrsg.): Aus der Kategorie Wohlleben trifft…, in: Wohllebens Welt Nr. 2/2019 

https://www.geo.de/natur/tierwelt/21509-rtkl-peter-wohlleben-trifft-wozu-jagen-eine-debatte-ueber-den-sinn-tiere-zu

 

Peter Wohlleben – Hirschabschuss  (Facebook 30.01.2020)  https://www.facebook.com/PeterWohlleben.Autor/videos/hirschabschuss/3142497399098431/

 

Eingestellt 201204

Aktualisiert: 201206

© Dr. W. Kornder

 

AFZ_21_2020_Leserbrief_Kornder_Verbiss_W
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