Friedrich Schleiermacher
Friedrich Schleiermacher

Friedrich Daniel Schleiermacher:

Über die Religion.

Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern.

 

        1768 – 1834

        Theologe, Philosoph, Pädagoge

        Gilt als der ev. Kirchenvater des 19. Jhds, der die Engführung des Rationalismus und  der Aufklärung überwand.

       Sein diesbezüglich wichtigstes Werk erschien in Berlin zunächst anonym 1799: Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. 

 

(Als Textgrundlage verwende ich die Neuausgabe von Karl-Maria Guth, Berlin 2016. In den Zitaten wurde die Kommasetzung und Schreibweise der heute üblichen Praxis angepasst. Hervorhebungen stammen von mir.)

 

Erste Rede - Apologie

Schleiermacher wendet sich aus innerem Antrieb an die Gebildeten seiner Zeit: „Es ist die innere unwiderstehliche Notwendigkeit meiner Natur, es ist ein göttlicher Beruf, es ist das, was meine Stellung im Universum bestimmt, und mich zu dem Wesen macht, welches ich bin.“ (6) Er sieht es als seine Aufgabe an, wie andere, besonders begnadete Menschen, seine Erkenntnisse als „Mittler“ an die weiterzugeben, die diese aus unterschiedlichsten Gründen nicht haben.

 

Den gebildeten Verächtern der Religion legt er nahe, nicht vom allgemeinen Erscheinungsbild der Religionen auszugehen, sondern von den von Gott besonders begnadeten Einzelpersonen. Wer von der praktizierenden Masse ausgeht, wird – wie in vielen anderen menschlichen Lebensbereichen – eben nur eine „jämmerliche Empirie“ (11), den kläglichen Durchschnitt kennen lernen, aber nicht die Sache an sich. Diesen beschwerlichen Weg zu gehen, sei Sache der Intellektuellen. (13ff)

Bezug nehmend auf Entwürfe seiner Zeit, z.B. den Deismus, das „vernünftige Christentum“, sieht er darin ein „kaltes Argumentieren“ und konstatiert dann unumwunden: „In all diesen Systemen, die ihr verachtet, habt ihr also die Religion  nicht gefunden und nicht finden können, weil sie da nicht ist.“ Der Geist nämlich lässt sich nicht in (Anm. Red. theologischen/philosophischen) „Schulen“, „toten Buchstaben“ oder „Akademien festhalten“. Vielmehr geht es darum, von Gott quasi mit einem „himmlischen Funken“ wahrhaft inspirierte Menschen zu betrachten und von hier aus „Religion“ zu erkennen. (15ff)

 

Zweite Rede – Über das Wesen der Religion

In Frontstellung zu Kant arbeitet er gegenüber der Metaphysik (Transzendenzphilosophie) und der Moral, die beide oft unscharf mit Religion vermischt werden, als unverkennbares Wesensmerkmal der Religion seine berühmten Definitionen heraus:

 

- Anschauung ist und bleibt immer etwas Einzelnes, Abgesondertes, die unmittelbare Wahrnehmung, weiter nichts;“ (31)

 - „Praxis ist Kunst, Spekulation ist Wissenschaft, Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche.“ (29)

- Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl.“ (28)

 

Metaphysik (Transzendenzpilosophie) gehe deduktiv vor, d.h. sie entwickelt ihre Anschauungen vom Allgemeinen aus und erschließt daraus das Besondere (Spekulation), was bezüglich der Religion, wie in der ersten Rede gezeigt, nicht angemessen sei. Und die Moral wird aus der menschlichen Natur heraus entwickelt. Aus beiden entwickeln sich dann entsprechend starre Systeme, aus denen sich für den Menschen Pflichten und Handlungsanweisungen (Praxis) ergeben. Religion hingegen gehe von der zweckfreien Anschauung des Unendlichen aus und empfange etwas, ohne dass damit Gesetze, Handlungsanweisungen oder dgl. verknüpft sind.

Und als Defizit einer deduktiven Metaphysik und Moral formuliert Schleiermacher in Frontstellung zum Idealismus „eine  armselige Einförmigkeit, die nur ein einziges Ideal kennt und dieses überall unterlegt.“ Das „Grundgefühl  der unendlichen und lebendigen Natur fehlt, deren Symbol Mannigfaltigkeit und Individualität ist“.  (28f)

 

Das Anschauen des Universums als Quelle des Handeln

Individualität und Einzelnes resultieren aus der Anschauung des Universums, das seinerseits als „Angeschautes“ Einfluss auf das „Anschauende“ hat. „Anschauung ist und bleibt immer etwas Einzelnes, Abgesondertes, die unmittelbare Wahrnehmung, weiter nichts; sie zu verbinden und in ein Ganzes zusammenzustellen, ist schon wieder nicht das Geschäft des Sinnes, sondern des abstrakten Denkens.“ (31) Das Unendliche lasse sich nicht in einem denkerisches System fassen, das sich immer nur auf etwas Beschränktes bezieht. Die individuelle Erfahrung mit dem Unendlichen ergebe viele individuelle „Welten“ und damit ein „unendliches Chaos“: Das sei in der Tat das schicklichste und höchste Sinnbild der Religion“. „Im Unendlichen aber steht alles Endliche ungestört nebeneinander, alles ist Eins und alles ist wahr.“ Das ganz individuell erlebte Gefühl des Unendlichen führt nicht zur direkten Handlung, das wäre „Missbrauch“, sondern zu einem inneren Ruhen „aus der eigenen Quelle“, woraus sich dann Tätigkeit ergibt. Deshalb: „Die Seele voll Religion haben, das ist das Ziel des Frommen“. Wo das authentisch geschieht, entsteht „eine tüchtige Religion …, die weder kalt noch schwärmerisch wäre“. (36ff)

Der Blick auf die „heiligen Männer, in denen die Menschheit sich unmittelbar offenbart“, auf die „Mittler“, wird dem religiösen Menschen zeigen, dass er das alles bei sich selbst findet  - oder zumindest finden kann. Und solche Religiöse brauchen keine “Mittler“ mehr. (50f)

Gefühle wie Demut, Mitleid, Reue „sind Religion“, stecken in der „Frömmigkeit“. Diese Gefühle sind keine Handlung, die man abstrakt festschreiben könnte, „sie kommen für sich selbst und endigen in sich selbst als Funktionen eures innersten  und höchsten Lebens“. Und daraus wird sich individuelle Aktivität entwickeln. Solche Handlungen in Dogmen und Lehrsätze zu gießen pervertiere das Ganze. „Wunder“, „Offenbarung“ und „Eingebung“ sind die „ersten und wesentlichsten“ Gnadenwirkungen der Religion. „Glauben“ ist Erfahrung „als unmittelbare Einwirkung des Universums“. „Mittler“ können helfen, diese Erfahrung zu wecken. Aber man kann diese nicht in „heiligen Schriften“ und „toten Buchstaben“ konservieren. „Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern der, welcher keiner bedarf, und wohl selbst eine machen könnte.“ (58ff)

 

Gott oder Gottheit, so formuliert Schleiermacher an dieser Stelle vorläufig, ist nichts anderes, „als eine einzelne religiöse Anschauungsart, von der wie von jeder anderen, die übrigen unabhängig sind“. Und „Unsterblichkeit“ ziele darauf, die engen Grenzen unserer Persönlichkeit und Individualität zu verlassen, „unser Leben zu verlieren“ ins Unendliche hinein. Und  diese Wandlung stelle sich schon jetzt als Lebensaufgabe: „Strebt danach, schon hier Eure Individualität zu vernichten, und im Einen und Allen zu leben, strebt darnach mehr zu sein als ihr selbst, damit ihr wenig verliert, wenn ihr euch verliert“. Unsterblichkeit ist „Aufgabe“: „Mitten in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in einem Augenblick, das ist die Unsterblichkeit der Religion.“ (65ff)

 

Dritte Rede - Über die Bildung zur Religion

Schleiermacher trat in seinen pädagogischen Vorlesungen für eine Pädagogik ein, die im Gegensatz zur damaligen Erziehungsauffassung dem zu Erziehenden sehr viel Wertschätzung, Achtung und Freiheit einräumte. Diese Gedanken finden sich auch in dieser dritten Rede. In Kürze lässt sich zusammenfassen, dass die damals gängige Bildung die Freiheit und Eigeninitiative, die für das Anschauen des Unendlichen voraussetzt, nicht bietet. Der Mensch wird verbogen und mit formalem, oft sinnlosem Wissen vollgestopft. Intrinsische Motivation wird nicht gefördert, ja oft nicht zugelassen. „Hingebende Beschauung“ (74) ist nicht impliziert. Mystik und Kunst seien noch am ehesten förderlich, den „Schein“ zu überwinden und das „Wesen“ zu erringen (84ff).

 

Vierte Rede - Über das Gesellige in der Religion oder über Kirche und Priestertum

Z.Z. Schleiermachers haben viele Gebildete die Religion als eine ansteckende Krankheit gesehen, allen voran standen natürlich die Priester im Fokus, die diese kranke Gemeinschaft maßgeblich bestimmten. Religiöse Gemeinschaften aber sind zunächst etwas ganz Natürliches und bei näherer Betrachtung unumgänglich, um sich auszutauschen und gegenseitig unter Gleichgesinnten Impulse zu geben. Und der Status des Priesters ist in der wahren Kirche, derer, die die Unendlichkeit geschaut haben, eigentlich der Status von allen. Denn in diesem Kreis gibt es keine Hierarchie, keine Zwietracht und Spaltung. Dieser Kreis kennt auch keine Sekten, keine Bekehrungssucht. (87-94)

 

Zwangsläufig differenziert Schleiermacher zwischen Kirche und wahrer Kirche. In der realen Kirche seien viele, die eben nicht religiös sind, seien Leute, die berechnend oder auch aus egoistisch Gründen Mitglieder sind. Zudem finden sich hier auch alle, die zwar interessiert sind, aber ohne eigene Erfahrung mit dem Unendlichen leben. Und so kommt es zu einer Gemeinschaft, die eben nicht von den tiefen Erfahrungen der eigentlich Religiösen bestimmt sind. (95 – 98)

Das Bindeglied zwischen den Interessierten, noch nicht Religiösen - letztere werden wie in Meditationsschulen als „Schüler“ bezeichnet - wären die Priester, die „Meister“, die sich in gegenseitiger Freiheit suchen.  (99f)

Neben der Durchmischung von eigentlich Nicht-Religiösen und den Religiösen ist vor allem die Verquickung von Staat und Kirche für die Missstände und das negative Erscheinungsbild der Religionen verantwortlich, weil damit Interessen und Ansprüche mit hinein kommen, die den Absichten und Grundsätzen der Relgion entgegenstehen. „… alles ist abgewendet von seinem ursprünglichen Zweck und Begriff. Viele gibt es daher unter ihren Anführern, die nichts verstehen von der Religion, und viele unter ihren Mitgliedern, denen es nicht in den Sinn kommt, sie suchen zu wollen.“ Gerade Letztere sind „noch nicht fähig … der wahren Kirche einverleibt zu werden“. Schleiermacher kommt deshalb ganz klar zu dem Ergebnis: „Hinweg also mit jeder solchen Verbindung zwischen Kirche und Staat!“ Die Bildung der Interessierten müsste als „priesterlicher Dienst“ in privaten Kreisen und in den Familien erfolgen. Für die Zukunft sieht Schleiermacher aufgrund der Industrialisierung “bessere Zeiten“ hin zur Religion, weil dann die Menschen Muße und Zeit dafür hätten. (99 – 115)

 

Fünfte Rede - Über die Religionen

In dieser letzten Rede geht es Schleiermacher nicht etwa so sehr um andere Religionen – lediglich das Judentum taucht kurz als erstarrte Religion auf -, sondern darum, in den individuellen christlichen Einzel-Religionen die (wahrhaft christliche) Religion zu entdecken. Er setzt die „Vielheit der Religionen“ notwendigerweise  voraus: „So viel sieht jeder leicht, dass niemand die Religion ganz haben kann, denn der Mensch ist endlich und die Religion ist unendlich“. (116f)

Das was an Religionen sich zeigt sind „positive“ Religionen, denen man als Gegensatz die „natürlichen“ gegenüber stellte. Doch gerade Letztere sind seines Erachtens wenig aussagekräftig und eher ein Konstrukt der Gegner positiver Religionen.  (122ff)

Positive Religionen sind „beweglich und fließend“, nie starr. Ihre Entwicklung wird vom „Instinkt“, nicht vom „Verstand“ geleitet. Die individuellen Einzelausprägungen sind aber durch ihre Zuordnung auf den Mittelpunkt geeint und ergeben in ihrer Totalität die gesamte Religion. (125-128) Und Schleiermacher warnt: „Vor beidem hütet euch: bei steifen Systematikern, bei seichten Indifferentisten werdet ihr den Geist einer Religion nicht finden; sondern bei denen, die in ihr leben als in ihrem Element, und sich immer weiter in ihr bewegen, ohne den Wahn zu nähren, dass sie sie ganz umfassen könnten.“ (140)

„Religion“ ist damit in ständiger Bewegung und wird von „Gesandten“ (Gottes) in Bewegung gehalten. „Mittler“ sind dabei notwendig. Und hier habe das Christentum eine besondere Stellung. Den Bibelvers Mt 10,34: „Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, Frieden zu bringen auf die Erde. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.“ (Übersetzung Lutherbibel 2017) – deutet Schleiermacher auf diese ständige Infragestellung vermeintlich feststehender Dogmen und Anschauungen. (140 – 147)

 

In diesem Zusammenhang hat Jesus als Sohn Gottes eine besonderes „Mittleramt“. Dabei schließt Jesus andere Mittler, - Schleiermacher verweist hier z.B. auf Johannes den Täufer und seine Schüler -, nicht aus. Und in Bezug auf die Bibel formuliert er: „Die heiligen Schriften sind Bibel geworden aus eigener Kraft, aber sie verbieten keinem andern Buche auch Bibel zu sein oder zu werden“. (148ff)

Das Christentum kann wohl verflachen und „toter Buchstabe“ werden, aber nie untergehen, denn der „lebendige Geist“ „erwacht immer wieder“. „Aus dem Nichts geht immer wieder eine neue Schöpfung hervor“. Und Schleiermacher schließt. „Das Heilige (bleibt) geheim und dem Profanen verborgen. Lasst sie (Anm. Red.: die vernunftgeleiteten Kritiker) an der Schale nagen, wie sie mögen; aber weigert uns nicht den Gott anzubeten, der in euch sein wird.“  

Eingestellt: 181028

Aktualisiert: 181101

© Dr. W. Kornder